Nun ist Schluss: Bereits 2015 ist das Café Bauer am Konkurs vorbeigeschrammt, damals kaufte die Asia-Food-Kette «Suan Long» die Bäckerei auf und führte den Überlebenskampf ein knappes Jahrzehnt lang fort.
(Quelle: Tagesanzeiger)

Sonntagmorgen, 7 Uhr. An der Ecke, wo Badenerstrasse und Albisriederstrasse sich treffen, ist bereits etwas los. In Grün gepolsterten Gartenstühlen sitzen einige schon beim Kaffee und Gipfeli, andere noch bei Tee und Erdbeertörtli nach einem ausgedehnten Exkurs ins Zürcher Nachtleben. 102 Jahre lang hat das Café Bauer ein buntes Zusammenkommen beherbergt. Ende August musste das Herzstück des Albisriederplatzes für immer seine Türen schliessen. Die auf Handarbeit ausgelegte Backstube habe mit den Grossverteilern nicht mehr mithalten können, erklärt Dominique Widmer, ein Mitglied der Geschäftsleitung, im Blick. Damit folgt die Traditionsbäckerei einem landesweiten Trend des Bäckereiensterbens. Doch nicht nur die Ladenbesitzer setzten sich dieser Entwicklung zur Wehr.

Bäckereien unter Druck

Bereits vor zehn Jahren schreibt die NZZ über die harten Zeiten der Zürcher Bäcker:innen. Die Gründe für die kritische Situation der Branche sind damals schon dieselben, denen nun das Bauer zum Opfer fiel: eingeschränkte Verkaufszeiten, hohe Mieten, viele Auflagen und Konkurrenz von Grossbetrieben. Gegenüber Tsüri bestätigt die Suan Long Enge AG, die das Bauer Café seit 2015 betrieb, dass der Einzug der Kettenbäckerei Kuhn am Albisriederplatz das Ende mitbesiegelt hat. Vor allem in den Städten werden Kleingeschäfte von Grossverteilern und Industriebäckereien verdrängt, welche nebst dem Bedienen einer Theke oft auch Gastronomie, Detailhandel oder Flughafenbetriebe beliefern.

SRF hat das Bäckereiensterben anhand von Zahlen des Schweizerischen Bäcker-Confiseurmeister-Verbands (SBC) statistisch ermittelt: Seit dem Jahr 2000 sank die Anzahl seiner Mitglieder um mehr als die Hälfte – von 3900 auf knapp 1800. Der Erfolg einer traditionellen Backstube ist fragiler Natur. Ein weiterer Fall im Quartier zeigt, wie bereits eine Baustelle vor dem Laden einen Betrieb in die Bredouille stürzen kann.

Der Fall Oski Kuhn

Im Juni dieses Jahres steht die Traditionsbäckerei Oski Kuhn kurz vor dem Aus. Direkt vor dem Geschäft sind die Tramgleise der Badenerstrasse einer weitläufigen Baustelle gewichen, hier werden seit Frühling 2024 die alten Werkleitungen und die Kanalisation ersetzt. Fatmir Guci, der die älteste Bäckerei im Kreis vier seit 2009 zusammen mit seiner Familie führt, klagt gegenüber Tsüri, dass 50% der Laufkundschaft seit Beginn der Bauarbeiten ausgefallen sei. Diese sollen noch bis 2025 andauern, der 58-jährige Bäcker bangt um die Existenz seines Geschäfts. Mit ihm bibbert der vorherige Besitzer und Namensgeber der Bäckerei, Oski Kuhn. Der mittlerweile 81-Jährige wohnt immer noch über dem Laden und besucht ihn fast täglich. In einem Interview bei TeleZüri drückt er grosses Bedauern für die mögliche Schliessung aus: «Das würde mir im Herzen wehtun, dies ist schliesslich mein Lebenswerk».

Die Bevölkerung setzt sich ein

Nicht nur die Traditionsbäcker bekümmert das drohende Schicksal des Ladens. Nach zahlreichen Medienberichten haben sich die Bewohner:innen der Umgebung eingeschaltet: «Jetzt Oski retten? Wähen*kaufen!!!» heisst es auf einem Flugblatt, das im Quartier kursiert. Auch Food-Influencer Noah Bachofen will seiner Stammbäckerei helfen. Er fordert seine 156’000 Follower auf, bei der kosovarischen Bäckerfamilie einzukaufen. Diese Aktionen führten tatsächlich zu einem Verkaufsanstieg, berichtet Guci im Tagesanzeiger. Überstanden sei der Engpass jedoch noch nicht. Er befürchte weitere Einbussen mit der Einstellung der Tramhaltestelle Zypressenstrasse gegenüber der Bäckerei Ende August.

Während das Überleben der Bäckerei Oski Kuhn noch nicht gesichert ist, hat das Engagement der Bevölkerung eine Sensibilität für Tradition bewiesen. Vielleicht ist es doch noch wichtiger, am Sonntagmorgen beim Hausbeck ein Erdbeertörtli geniessen, als um 9 Uhr Abends noch ein frisches Brot im Coop kaufen zu können.